Heute morgen bin ich beim Stöbern in unserem Intranet auf ein kleines Projekt mit großem Beinamen gestoßen: Super Urgent. Nein, nicht nur dringlich sondern super dringlich! Wenn ich sowas schon lese, rollen sich bei mir die Zehennägel hoch. Nach knapp drei Jahrzehnten Berufserfahrung, 16 Jahren Selbstständigkeit und über 10.000 abgeschlossenen Projekten, kann ich Ihnen getrost versichern: Projekte dieser Art sind von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Gründe dafür gibt es zuhauf, denn manchmal wollen Erwartungen und Realität einfach nicht ins gleiche Boot hüpfen. Da hilft nur eins: Das Kind in den Brunnen werfen und die Feuerwehr bitten gleich noch mit dem Schlauch drauf zuhalten.
Erste Warnzeichen sind daher oft Betreffzeilen wie „Urgent, Critical, ASAP“ und neuerdings auch „Super Urgent“. Spätestens aber bei ASAP sollten Sie schon hellhörig werden. Wenn ein Projekt derart dringlich ist, dass keine Zeit für formale Höflichkeit, geschweige denn Ausschreibung bleibt, ist doch etwas schief, oder? Falls Sie sich dennoch, entgegen aller Vernunft, sich abenteuerlustig ins Versagen stürzen wollen, habe ich hier einen Acht-Punkte-Plan aufgestellt, wie Sie Ihr nächstes Projekt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit krachend vor die Wand fahren können.
Jetzt mal ganz ehrlich: Experten sind auch nichts anderes, als überbezahlte & kostümierte Clowns mit teuren Aktenkoffern, die uns vorgaukeln, sie hätten die Management-Weisheit mit Löffeln gefressen.
Was weiß schon Peter Drucker, selbsternannter Business-Guru, über Ihr Business? Ein gut gemeinter Rat: Vergessen Sie den ganzen Quatsch von wegen spezifischer, messbarer, realistischer und terminierter Zielformulierung. Ziele müssen nicht S.M.A.R.T. formuliert sein, sondern Geld einbringen! Basta. Und das schnell bitte, also super schnell!
Zeit ist Geld. Deswegen empfehle ich Ihnen jegliche Zeitfresser großräumig zu umfahren. Wer sich zu Projektbeginn also ein paar nette Tabellen ins sein Notizheft kritzeln will, kann das gerne tun. Aber, wer sich dabei in nicht relevanten Themengebieten (wie Lieferkette, Geschäftsänderung, Compliance, Stakeholder, Mission, Vision und Zielen) verirrt, darf sich nicht wundern, wenn er am Ende des Tages keinen Cent verdient hat.
Sobald Sie ein Projekt angenommen haben, sollten Sie sich schleunigst an die Arbeit begeben. Verzichten Sie auf unnötiges E-Mail-Hin-und-Her darüber, wer was zu tun, was zu lassen oder was zu erwarten hat. Unnötig sind auch systematische Übergabegespräche, Kick-Offs, Jour Fixes und der ganze andere frankophiler bzw. denglischer Kauderwelsch. Das wäre ja noch schöner, wenn Ihr Kunde jetzt plötzlich anfängt, Ihnen zu erklären, wie Sie Ihren Job zu machen haben.
Wie Sie ein Projekt letztendlich abwickeln, bleibt Ihnen überlassen. Zwischenstände sind Teil interner Ablaufprozesse. Was zwischen Anfrage und Abgabe geschieht, ist Ihr Tagesgeschäft und geht den Kunden nichts an. Und außerdem: Wer nicht zufrieden ist, ist selbst schuld. So eine Frechheit, dass der Kunde von Zeit zu Zeit aktiv über den Fortschritt, etwaige Zwischenergebnisse, Teilerfolge oder, Gott behüte, auftretende Unwägbarkeiten, Hürden und Hindernisse informiert werden will. Wo sind wir denn hier überhaupt?
Lernen Sie besser von den Kölnern, als von Peter Drucker. Und das, als Düsseldorfer, aus meinem Mund, mag was heißen. Wenn Sie es bisher geschafft haben, Projekte erfolgreich durchzuführen, wird Ihnen das auch in Zukunft immer gelingen. Dafür brauchen Sie keine konsistente Methodik oder detaillierte Planung. Denken Sie daran: „Et‘ hätt noch immer jot jejange!“
Der Kunde gibt den Auftrag und Sie erledigen Ihren Job, so einfach ist das! Wenn Sie den Fehler machen und den Kunden in Ihr Projektmanagement einbinden, laufen Sie bloß Gefahr durch lästige Nachfragen gestört zu werden. Das gilt auch für alle beteiligten Mitarbeiter. Arbeitsbereiche sollten immer klar voneinander getrennt sein und das auch bleiben. Wenn sich jeder um seinen eigenen Job kümmert, kommt sich auch niemand in die Quere.
Überschätzen Sie auf keinen Fall den Wert Ihrer Mitarbeiter! Mitarbeiter sind austauschbar und letztendlich nicht mehr als die notwendige Arbeitskraft, dies zum Verrichten der Arbeit benötig wird. Deswegen können Sie beruhigt ein Team zur Projektabwicklung bunt zusammenwürfeln. Oder auch mittendrin austauschen oder mit Newcomern ersetzen.
Es ist, beim besten Willen, nicht ihre Aufgabe, Sorge dafür zu tragen, dass Ihre Mitarbeiter ihrer Arbeit angemessen nachgehen, motiviert sind und dafür auch angemessen entlohnt werden. Genauso gut könnten Sie es gleich selbst machen. Oftmals sind Personalkosten eh unnötigen Kostentreiber. Wieso also noch mehr Zeit in Motivation, Weiterbildung, Lohn oder Fachkräfte investieren? Sehen Sie es pragmatisch: Wem es an Fachwissen mangelt, wer nicht kompetent ist, wer seine Aufgabe und Verantwortung nicht kennt, fliegt raus. Und zwar Super Urgent!
Fassen wir nochmal zusammen: Wenn Sie Ihr nächstes Projekt also vor personen-, prozess-, oder kommunikationsbehafteten Störfaktoren schützen, werden Sie es zielsicher vor die Wand fahren. Um im Nu wird aus „Super Urgent“ vielleicht auch ein „Jetzt ist auch egal!“
Wenn Sie sich entgegen der offensichtlichen Dringlichkeit dieser Ratschläge, entgegen besserer Empfehlung trotzdem dafür entscheiden einzelne Maßnahmen zu ignorieren oder aber sich vorsätzlich gegen die Umsetzung dieser Empfehlungen weigern, werden Sie wohl oder übel mit Ihrem nächsten Projekt Erfolg haben. Das sind Sie aber dann bitte schön ganz und gar selbst schuld! Ich hatte Sie ja gewarnt...
Der Autor hat heute Morgen scheinbar einen ganzen Clown gefrühstückt und dazu noch einen gehörigen Schluck Ironie getrunken, aber es war ja auch alles mal wieder „super urgent“.
Herbert Höckel is a managing partner here at moweb research GmbH. He has been a market researcher for more than 25 years. In 2004 he founded moweb GmbH, which he is still the owner today. moweb from Düsseldorf operates internationally and is one of the first German market research institutes specializing in digital processes.